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Rüdiger Burghardt,
Rzasiny

 

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5. Januar

"Rzasiny?
Warum stört Sie ein unbekanntes Wort? Denken Sie, Rzasiny sei der Name eines Verfolgten. Sein Leben ­ die Emigration. Sein Aufenthaltsort ­ irgendwo.
Seine Heimat ­ die Sprache.
Das wäre die Wahrheit ­ der Anfang und das Ende seiner Geschichte.

Er kam, wie Sie wissen, im Frühling nach Deutschland, und ich traf ihn in Freiburg, in Wien und Florenz, dreimal am Amiata und einmal in Palermo und Rom. Wir sprachen uns hier und dort ­ im Hotel, in der Metro, unter Olivenbäumen, in der südlichen Residenza des Pietro Cerboni und am Totensonntag in der Sistina zwischen hundert Prälaten.

Unser Thema meist: die Übersetzung seiner Texte, denn es schien mir, als könnte ich das, was Rzasiny sagen wollte, nicht ins Deutsche übertragen. Einmal, es war in Podere dei Venti, sprachen wir von Magdalena Kommencerpe. Und dafür brauchten wir, weil er das Mädchen wie sein Leben liebte, obgleich es tot war, eine lange Zeit.

Sie wissen, daß Rzasiny ein Autor des polnischen Widerstands ist­, sagen wir einer, den man auf die Erde genagelt hat und der sich aufrichten will ­ seine politischen Schriften sind im Osten verboten, weil sie sich gegen die rote Gewaltherrschaft richten, daher montierte er, als er in Polen lebte, ­ unsichtbar für den Leser ­ seine Texte in, sagen wir, Lenins Schriften, in das Kommunistische Manifest, in die Bibel, in Bücher des Zen, in Goethes Faust, in Shakespeares Hamlet, in Novalis Hymnen an die Nacht und ließ sie in den Westen schaffen. Und gerade die scheinbare Unangreifbarkeit der Klassiker war der beste Schutz für die gefährdeten Texte. Denn ­ gesetzt den Fall ­ bei den Grenzkontrollen wären die Buchsendungen geöffnet worden, man hätte sie in ihrer Beziehung zu Rzasiny nicht erkannt, weil niemand hätte wissen können, wie sie zu lesen waren, und weil man durch ihre scheinbare Öffentlichkeit blind geworden wäre für ihre verborgene Botschaft. Auch ich gestehe, daß ich beim Empfang der Bücher nicht wußte, welchen dunklen Doppelsinn die weltweit gerühmten Bücher enthielten, bis mir nach ihrer Enträtselung die Texte Rzasinys wie Planetoidenschauer vor meinem Fenster um Mitternacht zufielen voll künftigen Glücks.

Auch "Die Zwölf Bücher Rzasinys" hatte ich zu übersetzen (und Übersetzen heißt: meine Sprache der seinen anzugleichen, damit seine Kunst daraus werde, nicht die meine) Ich bestrich das Weiße zwischen den Worten von Goethes Fragmenten zur Morphologie, die er mir übergab, mit einer Flüssigkeit, und nach wenigen Minuten erschienen einzelne Zahlen, die ich als Buchstaben zu lesen hatte, und bald fügten sich die Zahlenkolonnen in Worte und Sätze mit neuer Bedeutung, und so entstand für mich der Roman. Da Sie seinen Inhalt kennen, werden Sie fragen, warum er verrätselt wurde, denn das Buch war in der Toscana geschrieben und berichtet allein vom Leben der Magdalena Komencerpe, und keines seiner Worte gäbe den Anlaß für ein Verbot. Ich weiß darauf keine Antwort als diese, daß Rzasiny die Beziehung zu Magdalena Komencerpe, sagen wir, unaussprechlich schien. Vielleicht wollte er auch über den Roman ein weißes Tuch breiten, weil Magdalena tot ist und geschützt werden soll, vielleicht verwandelte er den Text in Zahlen, um ihn unangreifbar zu machen, und da er ihn nicht in seiner Muttersprache, sondern in deutscher und italienischer Fassung veröffentlichen ließ, wollte er vielleicht darauf hinweisen, daß sich jeder von uns ein eigenes Bild von Magdalena zu entwerfen hat und daß alles darin Ausgesprochene ein zerbrechliches Experiment mit der Wahrheit ist.

Mit seinem Roman schickte er mir aus Podere dei Venti, soviel ich bisher erraten konnte, zwei Erzählungen.

Ihre Titel:

Perugino,

Der grüne Tanz.

Daneben Kurzgeschichten, Parabeln, Fetzenszenen mit wechselnden Standpunkten zu Kommunismus, Kapitalismus, Materialismus, Theosophie und seine Gedichte. Sein Roman "Die zwölf Bücher Rzasinys", der vor Ihnen liegt, scheint mir sein wichtigster Text."

Ich schweige.
Und auch Caspari, der mir zugehört hat, weiß nichts zu sagen, obwohl er über die Herausgabe der "Zwölf Bücher" mit mir zu sprechen hat. Klären müsse er, meinte er nach seiner Ankunft in meiner Wohnung, beispielsweise die Unterteilung der einzelnen Kapitel. Da sie mit dem selben Satz begännen, wären, bemerkte er seufzend, Überschriften läßlich; da aber Caspari nach meinen Worten, wie ich vermute, noch Wichtigeres erwartet als dergleichen Nebensächlichkeiten, komme ich auf Rzasinys Leben zurück. Und während ich spreche, umfängt mich sein Blick mit einem milden Blau.

"Wahrscheinlich schreibt er gegenwärtig an einer neuen Geschichte oder er reist durch die Toscana."

Caspari lächelt.

"Sein sehnlichster Wunsch ist Italien."

Caspari blickt mich an.
"Verstehen Sie doch. Der Amiata. Podere dei Venti. Florenz. Siena. Seggiano. Und dort Kunst ­ nichts als Kunst."

"Welke, woher wissen Sie das?"

"Er hat es mir erzählt."

Seinem Hinweis, wir sollten uns wieder dem Roman zuwenden und die neuen Kapitel jeweils auf einer frischen Seite beginnen, um sie voneinander abzusetzen, habe ich nichts hinzuzufügen (ich stimme zu), da er aber umständlich die Fragenliste überliest, die er für unsere Besprechung zusammenstellte (denn er ist mein Lektor), erzähle ich, um die kostbare Zeit zu nutzen, bei Schnaps, Kalbsragout und Blumenkohl die Geschichte von der Empfindlichkeit und dem Tod.

"Rzasiny war (noch kannte er Magdalena Kommencerpe nicht), sagen wir, in Corinna Cerboni verliebt. Sie trafen sich, sooft es ging, und niemand glaubte, daß alles so schnell vorbei sein könnte. Aus Überdruß, sagten die einen, aus Schmerz die anderen ­ und die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Man behauptete, es sei ein Wort gewesen, das die Trennung besiegelte. Und diese kam so überraschend, daß auch Corinna Cerboni die eigentlichen Gründe dafür nicht verstand. Sie erzählt seither aller Welt, Rzasiny sei sensibel und für die Liebe nicht gemacht. Aber jedermann weiß, daß sie nur ihr eigenes Versagen rechtfertigen will und dies noch heute mit einer unverschämten Ignoranz versucht ­ und zwar deshalb, weil sie Rzasiny nicht begreift.

Sie hatten sich, wie gesagt, täglich, ja stündlich gesehen und geliebt, soweit dies ging, wobei das Eigentliche dieser Liebe bald darin bestand, daß Rzasiny schwieg und seine Empfindungen durch Taten, durch Geschenke und dergleichen zu erweisen suchte. Corinna Cerboni dagegen sprach umso mehr. Am liebsten redete sie von ihrem Tod, obwohl sie völlig gesund war, und sie meinte damit vieles, auch ihr Ende, den Stillstand, den Augenblick, an dem alles vorbei ist ­ also das Nichts. Nicht, daß Rzasiny etwas gegen den Gedanken an den Tod einzuwenden gehabt hätte. Er versuchte Corinna aber davon zu überzeugen, daß sie sich irrte. Der Tod sei das Ende, aber auch der Anfang; Sterben sei Vernichtung, aber auch Geburt ­ so seine Rede. Da sie ihn aber nicht verstand, schenkte Rzasiny fortan und liebte und schwieg.

Einmal saßen sie abends im Kaffee. Corinna Cerboni war erschöpft. Sie hatte Legnica besucht (für einen Deutschen vielleicht das Glück, für sie als Italienerin eine Strafe), in Gryfow war sie gewesen, zur Baude Srenica war sie emporgeliftet ­ welch eine Mühsal; im brüchigen Fremdenverkehr auf dem Kamm des Krokonosc hatte sie die Sausteine bestiegen, welch eine Zumutung. Wenn das so weiter ginge, sagte sie seufzend, werde sie auf der Stelle sterben und tot sein, mausetot. Und sie zog sich mit Rouge die Lippen nach und trank Kaffee. Da stand Rzasiny auf, zog Corinna empor, tanzte mit ihr um den Tisch, bis dieser stürzte und das Geschirr über den Boden splitterte, küßte sie, ging und kam nie mehr zu ihr zurück. Das hielt Corinna Cerboni für sensibel. Und jedermann weiß, sie hatte recht."

Caspari hat die Geschichte, so scheint es, amüsiert, er wiederholt den Namen der jungen Frau, als sei er mit der Cerboni vertraut, fragt, wann sie heute zu sprechen sei, was ich natürlich nicht beantworten kann, und will mit mir über Schrifttypen sprechen (er hält Times New Roman in Rzasinys neuem Buch für geeignet, was ich nicht verstehe), und als er in seinen Unterlagen nach anderen Schriftbildern sucht (er redet von Arial, Desdemona und Symbol) erzähle ich weiter, nachdem ich mein Schnapsglas geleert habe.

"Er kämpfte mit seinen Freunden gegen den roten Faschismus ", sage ich leichthin. Und da Caspari wiederum lächelt, füge ich hinzu: "Und da man seine Bücher verbot, tanzte er, was er nicht schreiben durfte. Das ist alles, was ich zu sagen habe."

Caspari lehnt sich in seinen Sessel zurück, blinzelt mich an, lächelt, verschränkt die Arme (gerade hat er die Buchstabenmuster der Desdemona gefunden) und behauptet, jedermann im Verlag wisse, wer Rzasiny sei, aber kaum jemand kenne sein Leben, und, indem er die Hände faltet, fügt er hinzu:

"Rzasiny ist ein zerbrechlicher Name. Jetzt wird er eine Geschichte. Sieh da! Sie wissen immer etwas Neues, Welke."

 

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