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Leseproben
Ursula Greiss,
Novellen
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Das steinerene Antlitz
Das Bauernhaus, in dem der Chemiker Springer mit seiner
Frau Barbara alljährlich seine Ferien verbrachte,
lag unter schroff kantigen, bizarren Dreitausendern,
wie von wilden Göttern zu ihrer eigenen Belustigung und als Spielzeug
ihrer Launen hingestellt. Wie oft meinte der alte
Mariacher, dem es gehörte, im Wolkengebräu
ein tückisches Gesicht zu sehen,
das ihm Fratzen schnitt, mit langen, dünnen
Händen nach seinem Anwesen griff und sich über
dem Dache wieder auflöste,
um es erneut zu bedrohen. Manchmal auch meinte er es über
den Bergen donnernd lachen zu hören, dann wurden
Feuergarben auf ihn heruntergeschleudert,
die aber listig so gelenkt schienen, daß sie die
Hütte nur streiften, ohne ihr direkt gefährlich zu werden.
Immer nur wurde von den Unholden entweder Schindeln
abgedeckt und von den Bauersleuten wieder gelegt oder
der uralte Giebelbalken angekohlt und von den.
Bewohnern wieder neu geteert und manches mehr.
Dieses grausame Spiel ging nun schon ins dritte Jahrhundert hinein.
Da aber die Almleute bisher,
seit eben den Jahrhunderten, den Kampf stets gewonnen und
den Besitz gehalten hatten, war Generation um
Generation auf der Stelle groß
geworden und ein zähes, hartes Völkchen aus
der Familie erwachsen. Jedes Mal wenn es wieder galt, den Hof zu verteidigen,
rotteten sie sich mit verbissener Entschlossenheit gegen die
Untermächte zusammen, aber auch mit dem Gebet,
das den trotzigen Unterton hatte: du weißt doch,
hoffentlich, Herrgott, da du uns beistehen mußt!
Wir halten nun schon im dritten Jahrhundert zu dir!
Du wirst uns das doch nicht antun, Jungfrau Maria,
daß du uns im Stiche lässt!
Wie viele Maria-Josefs hatten im Laufe der vielen Jahrzehnte geseufzt,
wie so mancher Rosenkranz hatte abgebetet werden müssen,
um den Spuk immer wieder zu bannen.
Diese dauernde Abwehrstellung gegen die möglichen
Angriffe einer wohl übermächtigen
Umwelt hatte die Gesichter der Männer wie auch
der Frauen hart gemacht. Wie aus Holz geschnitzt
glichen sie den Berggeistern, die sie an langen
Abenden als Heimarbeit aus ihren heimischen Bäumen herstellten.
Nur einer in der Familie hielt es allein mit der Jungfrau Maria und dem Herrgott und war weich,
still und versonnen. Es war Johannes, der zweitälteste Sohn der Mariachers.
Sein Blick war nicht schwarz und fanatisch,
sondern hell und warm. Während in den Augen der
Großeltern, der Eltern und der anderen dreizehn Kinder bei
stürmischen, bösen Nächten noch
Funken der alten heidnischen Angst und Unerlöstheit aufglommen,
lag über ihm die Ruhe und Harmonie einer furchtlosen, sich in
Christus geborgen fühlenden Seele. Selbst wenn
wieder einmal die Lage um die Hütte herum
gefährlich zu werden drohte, haderte er nicht,
fluchte nicht, beschwor nicht. Er stellte sein und
das Schicksal des Hofes Gott anheim und versprach,
sich allem, was ihm als Prüfung auferlegt werden sollte,
widerstandslos zu fügen, ja sogar dafür
dankbar zu sein-, auch dann, wenn es dem Herrn gefallen sollte,
mit Feuer oder Schlagwetter zu kommen oder
gar mit dem furchtbaren Berge selbst.
Er ging vom frühesten Morgen bis zum späten
Abend seiner Arbeit nach, betreute allsonntäglich
unten im Dorf die Kinder beim Gottesdienst und schien
keine Lust zu haben, sich außer der Arbeit;
noch um etwas anderes zu kümmern als um die Religion.
So saß er Abend für Abend friedlich vor
dem Hause und hatte gute Gedanken. Diese merkwürdigen
Gegensätze innerhalb der Mariacherschen
Lebensgemeinschaft lagen auch über der Landschaft:
so gewaltig die Wände und die steilen Dreitausender waren,
gigantische Begrenzungen und Abschlüsse, mit denen sich die
Einheimischen wohl auf Jahrtausende weiter abzufinden hatten,
-mitten in dieser spannungsgeladenen Welt dehnten sich die
wunderbarsten Wiesen, übersät mit Blumen wie nirgends sonst,
ein Bezirk des friedlichen Blühens und der Schönheit.
Aber auch das Wesen der Berge glich
dem der übrigen Mariachers. Bei jedem Gewitter geriet der Berg in Bewegung:
ein unmerklicher, kaum aber aufzuhaltender Zerstörungsprozeß
setzte ein, der Stein begann weiter abzubrechen, zu zerbröckeln,
nachzurutschen und wurde nicht selten einem Holzfäller oder Wanderer
zur tödlichen Gefahr. Dunkle Mächte waren in solchen Zeiten am Werke,
die die Schöpfung Gottes angriffen, so wie die Mariachers in gleicher Gefahr
die Fäuste in der Tasche ballten und ihre Gebete mehr
Beschwörungen und Erpressungen wurden als demütige Hingabe:
Einerseits eine ehern anmutende, wie für die Ewigkeit geschaffene
Weit klotziger Steinkolosse, stark und unabtragbar wie bisher immer noch der
Glaube im Hause der Mariachers-, andererseits dieses unheimliche
Auseinanderfallen, das Herausbrechen von Gestein, dessen Mürbheit
in Stunden der Gefahr offenbar wurde wie das aus dem Glauben.
All diese gegensätzlichen Bereiche hatte der Himmel bisher
noch immer gelassen zusammengehalten.
Noch war das Unheil stets durch das Vaterunser
und 'Heilige Jungfrau, bitte für uns' an der
Hütte vorübergegangen, es gab keinen Grund,
von Gebet und weiteren Kirchenbesuchen
grundsätzlich Abstand zu nehmen -, noch waren die
Wolkenmassen jedes Mal wieder davongestürmt und hatten eine strahlende,
königliche, unzerstörte Gipfelkette zurückgelassen-, noch
gingen alle Mariachers nach jeder Gefahr stolz und stark über die Wiesen zum
Gottesdienst hinunter und freuten sich ihrer
schönen Heimat, deren Blüten noch zwischen Eis und Schnee und
einengenden Steinmassen strahlend aushielten wie die Seele ihres Johannes.
� Verlag junger Autoren 2002
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