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Annemarie Ehrlich,
Kreativ handeln
Mein Leben mit der Eurythmie

 

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Eurythmie im Arbeitsleben in Holland

"Wie begann die Eurythmie im Arbeitsleben in Holland Fuß zu fassen?" Das Unternehmen der Post in Holland stand 1989 kurz vor der Privatisierung. Dafür gab es insgesamt Hunderte von Neueinstellungen, die alle auf das neue Konzept geschult werden mussten. Das Ausbildungszentrum in Groningen war in Baracken untergebracht, bei denen es keine Tennisplätze, kein Schwimmbad, keine Spazier- oder Bewegungsmöglichkeiten gab. Junge Akademiker, die ihr Studium gerade beendet hatten und ihre erste Stelle bei der Post antraten, bekamen damals ein sechswöchiges Trainingsprogramm, um die Umstellung auf die Privatisierung bewerkstelligen zu können. An einem meiner früheren Kurse zusammen mit dem NPI hatte auch ein junger Trainer von der Post teilgenommen und war von der Eurythmie so begeistert, dass er sie an dem Ausbildungszentrum und dort besonders für die Kurse mit den jungen Akademikern einführen wollte. Denn ihn hatte begeistert, dass, wie er sagte, man in der Eurythmie "Unternehmer" sein müsse, das heißt dass man die Eurythmie nicht nur aufnehmen könne, sondern gemeinsam mit Kollegen kreativ Neues schaffen würde. Er bemühte sich, ein Pilotprojekt zu organisieren und Eurythmie in die sechswöchigen Umschulungskurse zu integrieren. Der ganze Kurs wurde im Laufe des Jahres auf drei Wochen reduziert.
In den ersten Kurs ging ich zitternd hinein und Gedanken bewegten mich: "Was soll ich mit diesen jungen Akademikern, die keine Ahnung von künstlerischem Tun haben, anfangen? Von Niemandem werde ich aus dem spirituellen Hintergrund heraus unterstützt. Ganz allein stehe ich vor diesen jungen Menschen und muss ihnen die Eurythmie schmackhaft machen!" Und dann war meine Rettung, dass nach der ersten Stunde ein Teilnehmer auf mich zukam und äußerte: "Ich bin Rennfahrer und übe jeden Tag. Beim Fahren merke ich, dass ich ungefähr eine halbe Stunde brauche, bis ich alles vom Tag loslassen kann. Aber in der Eurythmie gelang es mir schon nach drei Minuten, die Ereignisse des Tages abzustreifen. Das war ein tolles Erlebnis!" Wie war ich erleichtert! Gott sei Dank, wenigstens einer, der mit einem eigenen Erlebnis einstieg! Dreimal am Tag machten wir Eurythmie, für die wir uns jedes Mal erst einmal Platz schaffen mussten - die Bänke wegstellen und für den nachfolgenden Unterricht wieder aufstellen.
Weitere Projekte wurden bewilligt und die Zahl der Kurse so umfangreich, dass ich sie nicht mehr allein durchführen konnte. Sie liefen über fünf Jahre, und endeten mit 60 Kursen im Jahr. Wir wuchsen zu einer Gruppe von vier Kolleginnen an, die sich in der Aufgabe abwechselten. Leider hörten die Eurythmiekurse auf, als das Ausbildungszentrum in ein neues Gebäude einzog, das ein Schwimmbad hatte und Tennisplätze in der Nähe. Da brauchten sie uns nicht mehr. Aber, ehrlich gesagt, war ich auch froh, als die Kurse bei der Post aufhörten, denn es wurde, wegen der Vertretung der Kollegen untereinander, unheimlich viel Arbeit.
Gelernt habe ich dort sehr viel. Es lief nicht in allen Kursen reibungslos und einfach. Einmal hatte ich einen Vorfall, bei dem ein Teilnehmer nach der ersten Stunde auf mich zukam und sagte: "Ich kann leider nicht mehr mitmachen, denn ich kann die Inhalte, die wir hier arbeiten, nicht mit meinem christlichen Glauben vereinbaren." Da antwortete ich lächelnd: "Es wäre nicht christlich von mir, wenn ich das nicht akzeptieren würde!"
Früher sagte man von der Post: "Väterchen Post sorgt für mein Leben!" Wer bei der Post arbeitete, durfte sich bis ins Rentenalter gesichert fühlen, von 14-65 Jahren. Nun veränderten sich die geschäftspolitischen Richtlinien von einem patriachalischen Führungsstil weg zu einem innovativ-teamartigen Konzept und ich konnte darauf mit meinen eurythmischen Formen wunderbar eingehen und durch die Unterschiede von zentralen oder frontalen Formen deutlich ins Erleben bringen, wodurch sich diese Führungsstile unterschieden. Ich erwähnte schon bei den Eurythmiekursen mit den Beratern des NPI, wie wir uns den Unterschied zwischen zentralen Formen, bei denen sich alle Teilnehmer eines Kreises um einen gemeinsamen Mittelpunkt bewegen, und frontalen Formen, wo alle Übenden in die gleiche Raumesrichtung blicken, erarbeiteten. Man fühlt sich bei den frontalen Formen viel mehr auf sich allein gestellt und muss die gemeinsamen Bewegungen aus einem anderen Bewusstsein entwickeln, also mehr teamartig erleben, als bei den zentralen Formen, wo jeder jeden direkt sehen kann und sich im gemeinsamen Kreis geborgen fühlt, wie bei "Väterchen Post". Bei den Ausbildungskursen der Post wollte ich zeigen, wie sich durch die verschiedenen eurythmischen Formen die Haltungen der unterschiedlichen Führungsstile erleben lassen. Auf diese Weise habe ich auch noch andere Führungsstile erlebbar machen können.
Einmal sagten mir Teilnehmer eines Seminars: "Uns wird immer gepredigt: Bleibt frisch grün! (Grün war die Farbe der Telekom) Werdet nicht grau! Aber wie können wir frisch grün bleiben, wenn alles von oben bestimmt wird!?" Da entstand in mir ein großes Mitleid mit den Menschen und ich wollte ihnen unbedingt zeigen, dass man "frisch grün" bleiben kann, wenn man sich mit Kollegen verbindet.
Ich werde manchmal von Kollegen gefragt, wie bei mir neue eurythmische Übungen und Formen entstehen. Sie werden jedenfalls nicht am Schreibtisch ausgedacht, sondern wachsen in bestimmten Situationen und aus konkreten Erlebnissen. Als Antwort auf diese Frage entstand die folgende Übung: Ich ließ die Teilnehmer sich zu viert in ein Viereck stellen. Es waren fünf Vierecke, da wir 20 Personen waren. Jedem Viereck gab ich die Aufgabe, sich in seiner Kleingruppe zu einem Gedicht, eine Form zu erarbeiten, die aus der Beziehung zueinander gestaltet werden sollte. In einer Vorübung versuchte ich deutlich zu machen: was passiert, wenn man von einem Eckpunkt des Vierecks zum nächsten eine gerade Linie läuft? - Es verändern sich die Abstände zum Mittelpunkt - und wenn alle Teilnehmer des Vierecks die Strecken gemeinsam laufen, dann kommen sich die Menschen in der Mitte näher und entfernen sich wieder! - Wenn man nun aber nicht eine Linie, sondern einen Kreisbogen läuft oder einen Winkel, was geschieht dann?
Durch solche Fragestellungen versuchte ich Mut zu machen, selbst Formen zu finden und zu gestalten und nicht alles vorgegeben zu bekommen. - Ich gab den Teilnehmern sieben Minuten Zeit für die Arbeit in den Kleingruppen. Dann schauten wir uns in der Großgruppe die entstandenen Gruppeneinzelformen gemeinsam an, besprachen und beschrieben, was wir gesehen hatten. Die Aufgabe beim Wahrnehmen war, innerlich mit dem Hintergrund der eigenen Form, die Schwierigkeiten im Ablauf der anderen vorauszusehen. Ich wollte dadurch die Planungsaktivität und Vorausschau für die eigene Übung erhöhen.
Wenn man in einem Unternehmen mit "Zahlen" umgeht, dann erfährt man die Ergebnisse erst Monate oder Jahre später durch die Bilanzen. In sozialen Prozessen, wie diesen Übungen, sieht man gleich im Prozess die Realität, ob man sich richtig verhalten hat oder nicht. Da muss sich jeder Einzelne der Gruppe die Frage stellen, ob er gut vorausgeschaut hat und in der Beziehung zum anderen wach genug war. Mit diesen Beziehungsübungen wollte ich den Mitarbeitern Mut machen, dass man gemeinsam stark ist und doch etwas bewegen kann.
Dann folgte die Aufgabe, alle Einzelformen um einen gemeinsamen Mittelpunkt durchzuführen. Jeder dachte nun: "Das geht nicht! Man muss dabei durch den Mittelpunkt laufen und schneidet dadurch dem Anderen den Weg ab!". Ich sagte nur: "Versucht es doch! Wenn es ohne Ellenbogen geht und jeder auf den anderen Rücksicht nimmt, dann könnte es gehen!" Und zum größten Erstaunen aller war es möglich. In der Nachbesprechung wurde deutlich, dass man nur sein Tempo verlangsamen musste und daraufhin sehr wach für die Beziehungen zu den anderen wurde. Man bedenke: es waren fünf Vierecke ineinander - das ist eine Teamaufgabe, bei der sich alle gegenseitig im Bewusstsein halten müssen. Das Tempo ändern und sich im Bewusstsein behalten - ein schönes, wertvolles Aufwach-Erlebnis für die Teilnehmer, dass unter- und miteinander so viel mehr möglich ist, als man gemeinhin denkt.
Eine weitere Erfahrung kam bei der Arbeit in der Post noch dazu: zu Beginn ließ ich alle Übungen immer zur Mitte gewendet ausführen. Aus der Anforderung, die späteren Führungskräfte schulen zu müssen, ergab es sich, die Übungen dahingehend zu ändern, dieselbe Übung frontal ausführen zu lassen. Da brauchte man für die Wahrnehmung des anderen noch ein ganz anderes Bewusstsein. Es war bei vielen wie ein Schock, was sie dabei erlebten. In der Wirtschaft vollzog sich die Bewusstseinsänderung, die mit dieser inneren Umstellung verbunden ist, schon viel früher als in den Schulen, denn in der Wirtschaft begann man schon damals, kundenorientiert zu arbeiten und die eigene Arbeit transparent zu machen. Eine Zukunftsaufgabe, der sich immer mehr Menschen, nicht nur in Wirtschaftszusammenhängen, werden stellen müssen.

 

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� Annemarie Ehrlich 2005

 

 

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