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Rüdiger Burghardt,
Herzspende

 

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LUFTPOST
PANAM
New York

20. November

... und werde eine Brücke in die Stille sein, aus der Du bist. Vielleicht. Wann und wo, weiß ich nicht.

Daß man Dir vor einem Monat ein neues Herz gab, wissen sie alle. Manche fragen nach der Operation, einer auch nach dem Spender.
Und wenn sie Einzelheiten hören wollen, dann sollten sie erfahren, auf was sie sich einlassen, wenn sie ein neues Herz erhalten oder ihr eigenes zu verschenken haben.
Daher schicke ich sie zu Deinem Bruder, denn er spricht gern davon.
Und während er redet, sehe ich auf den Gesichtern der Zuhörer einen Anflug ruchlosen Interesses. Zu neu war gestern Rolf Kaps der Gedanke einer Montage von Totem in Lebendiges, zu fremd heute seiner Frau die Frage, ob sie mit dem Herzen eines Sterbenden würde leben wollen. Also bleiben sie und wollen Details, das Außergewöhnliche, die Sensation, das düstere Gemälde von Hirntod, Bluttransfusion, Leichenfledderei und heroischem Kampf der Wissenschaft um das bißchen Leben im offenen Brustraum der Todgeweihten, so daß Dein Bruder gelegentlich von Unfalltoten spricht, die zur Transplantation freigegeben werden, von Chirurgen berichtet, die Herzen explantieren und Patienten einpflanzen. Heute aber schlägt er die Beine übereinander, faltet die Hände und reibt sich die Handflächen, als könne er einen Gebrauchtwagen verkaufen,

und spricht vom Tod im Kopf.
Er nennt ihn eine Tragödie und eine Hoffnung,
das Ende und den Anfang.
Und folglich eine Voraussetzung.

Denn der Tod im Kopf beendet ein Leben, das ist sicher, und rettet ein anderes, das sollte man hoffen. Todgeweihtes wird dem Tod entrissen. Dem Körper wird es genommen, dem Kranken wird es geschenkt, Ein Herz geht seinen Weg.

Nach diesen eher allgemeinen Worten pflegt Dein Bruder zu schweigen, als sollten wir unsere Gedanken in etwas Ungenanntes erheben. Die knappe, gebieterische Handgebärde, das leichte Runzeln der Stirn, der sinnende Blick über die Köpfe der Zuhörer hinweg verheißen zudem das Außergewöhnliche - die Einzelheiten einer Großtat der Chirurgie. Gleich wird er darauf hinweisen - ich weiß es, und trotzdem kann selbst ich mich einer gewissen rüden Neugier nicht erwehren, wenn Dein Bruder seine Rede durch das stumme Spiel der Gesten vorbereitet. Und ich spüre wieder jene unsäglich sanfte Leere vor dem ersten Wort.

Er wird es fast beiläufig sprechen, als rollte es wie von selbst von der Zunge, aber er wird es mit leiser Deutlichkeit plastizieren: Und wir werden wissen, daß jetzt vom Zerschneiden, Bluten, Tupfen, Abklemmen, vom Leiberöffnen und Freilegen des Herzens die Rede sein wird. Also wird es still um ihn, bis seine Sätze in unseren Ohren lärmen und blutige Spuren legen.
So warte ich heute mit der Kaps auf den Beginn, und wir blicken auf Deinen Bruder, weil er, so scheint es, alles über die Verpflanzung eines Herzens weiß.

Sein erstes Wort überrascht mich trotzdem. Denn er spricht, so hören wir, von uns. "Vor uns der Körper eines Toten", so sagt er, "ihm wollen wir sein Herz herausnehmen - " Das haben wir nicht erwartet, wir wähnten uns vor der Leiche sicher, wie durch ein Fenster wollten wir auf sie hinunter blicken. Dein Bruder aber macht uns zu Tätern, zu Komplizen der Wissenschaft - eine plumpe, befremdliche Vertraulichkeit, die nicht nur mich, sondern, wenn ich recht sehe, auch die Kaps verstimmt. Sie lehnt sich - entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit - in ihrem Sitz zurück und faßt Deinen Bruder mit einem lauernden Ekel ins Auge, räuspert sich, trommelt mit den Fingern auf die Sessellehne, was Deinen Bruder warnen müßte, aber er spricht, als habe er dergleichen nicht bemerkt, und entrollt vor uns den Herztausch wie ein Ritual.

Er schildert, wie wir, gesetzt den Fall, wir operierten, die Haut des Spenders zerschneiden, das Brustbein zersägen, zum Herzbeutel gelangen und diesen der Länge nach auftrennen, als sei er ein Seidenfutteral. Bei dieser Schilderung mustert uns Dein Bruder, als habe er zu viel von uns verlangt, und erst nach einer kurzen Pause, in der sich niemand äußert, verweilt er bei dem Anblick, der sich uns im Brustraum des sogenannten Toten bietet. Zunächst spricht er vom Herzen. Sein Aussehen muß uns freuen, hören wir, aber wir dürfen nicht gefühlig, liederlich, nicht säumig werden, wir haben das Herz auf Schäden zu überprüfen und, wenn es gesund erscheint, zu retten, das heißt, Heparin zu geben, um die Bildung von Blutgerinnseln in den Herzkranzgefäßen zu verhindern. Danach werden wir die obere Hohlvene zu durchtrennen haben, ohne den sogenannten Sinusknoten zu verletzen. Das wird nicht einfach sein, das können wir uns denken, denn er befindet sich neben der oberen Hohlvene. Trotzdem traut uns Dein Bruder diesen Kunstgriff zu. Und mehr noch erwartet er von uns. Er fordert uns auf, die untere Hohlvene, ebenso die Hauptschlagader abzuklemmen und über Koronararterien zwei Liter einer vier Grad kalten Lösung in das Herz zu gießen. Das scheint der Kaps zu viel. Sie schnauft, schließt für kurze Zeit die Augen, weist, ohne es zu wissen, mit der Hand dergleichen Zumutung zurück. Also hat Dein Bruder uns diese überraschende Kühlmaßnahme zu erklären. Das Herz muß kalt sein, sagt er, denn wie könnte es den Transport vom Spender zum Empfänger sonst überstehen? Ist das Herz nicht wie eine Speise oder ein Getränk, die man in sicherer Kühlung aufbewahrt? Das klingt einfach und scheint leicht. Doch Dein Bruder gemahnt zur Vorsicht, warnt vor übereilter Kälte. Er spricht von Langsamkeit und sanften Kälteschauern, von Abhärtung und gezügeltem Zwang. Wir werden die Temperatur auf zehn Grad zu senken haben, hören wir, irgendwann aber werden wir das Gewebe mit einer eiskalten, sterilen Lösung übergießen, bis das Herz kalt, still und gefügig ist. Ein edles Präparat - zur Entnahme fähig -. Ein letzter, rascher Schnitt: und wir halten es in unserer Hand. Wir heben es aus der Brust des Toten, und das große Werk - die Herzspende, derer so viele Kranke bedürfen - ist vollbracht.

Darüber ist Dein Bruder so froh, und wir erfahren manche Einzelheiten, die uns heiter stimmen sollen, hören Daten, Anekdoten, und da die Zeit vergeht und uns noch Wichtiges zu tun bleibt, berichtet er uns eher beiläufig vom Transport des kostbaren Organs.

Wir haben es so schnell wie möglich zum Empfänger zu verbringen, sagt er. Das ist nicht immer leicht, wie wir uns denken können. Dieser Hinweis muß genügen, auch wenn wir noch manches wissen wollen, und so führt uns Dein Bruder ohne weitere Erklärung vor den Kranken, der das Herz empfangen soll.

Ihn haben wir, so sagt er, auf der Intensivstation in Tiefnarkose versetzt und in den Operationssaal gebracht. Wenn das Herz des Spenders eingetroffen ist, werden wir sein Brustbein und seinen Herzbeutel auftrennen, wir werden eine Herzlungenmaschine an seine Seite fahren und die sterilen Plastikschläuche des Apparates mit seiner unteren Hohlvene und Aorta verbinden. Dieser unser Kunstgriff ist Deinem Bruder unverzichtbar, denn wir müssen, er betont es, den Kreislauf des Patienten mit Hilfe der Maschine aufrecht erhalten. Jetzt können wir sein krankes Herz herausschneiden und das gesunde einsetzen.
Es wird - nach so viel Sorgfalt - passen.

Also nähen wir die Herzvorhöfe des Spenderherzens mit denen des Patienten zusammen, verbinden ihre Gefäße, wir lösen die Klemme an der Aorta. Das venöse Blut strömt in das frische Herz, fließt in die Lungenschlagader, sättigt sich in den Lungenkapillaren mit Sauerstoff und wird von Kohlendioxyd gereinigt: über den linken Vorhof, die linke Herzkammer wird es in die Hauptschlagader getrieben... ein neues Leben mit dem neuen Herzen beginnt.

So Dein Bruder.

"Verstehen Sie", sagt er leise - ihn hat wie uns dieses unser großes Werk erschöpft -,
"so war es auch bei meiner Schwester",
und die Kaps scheint beeindruckt,
als feiere sie mit Deinem Bruder den Sieg der Medizin.

Was sie verschweigen:
daß Deine Operation mißlang.

Ich sage daher: "Gut..", um Deinen Bruder von weiteren Details abzuhalten. Und es scheint einen Augenblick, als sei mir alles gleich,
tränenlos gleichgültig alles Leben.
Irene Kaps aber sieht in den Augen Deines Bruders das Glück.

 

POSTBRIEF
PAN AM
Salt-Lake-City

1. Dezember

Jan schweigt über Deinen Abschied. Gerade finde ich die Erzählung "Das neue Herz" auf seinem Schreibtisch. Ich lese sie Dir vor,
Dir zur Kenntnis,
wie,
weiß ich nicht.

"Seit sie hörte, daß man ihr ein neues Herz geben wollte, glaubte sie, wählen zu können. 'Geben Sie mir ein gutes Herz', sagte sie an diesem Morgen, und, als man schwieg, fuhr sie fort:
'Man lebt nur mit einem guten Herzen gut.' Sie sah vor sich hin, hoffnungslos heiter und blaß wie jemand, der alles zu verlieren hatte. Der Arzt sagte: 'Natürlich werden wir Ihnen ein gesundes Herz schenken.' Er sagte es wie ein Freund, 'es wird Ihnen gut tun.' Bald reichten ihr die Umstehenden die Hand, als stünde ihr ein Spaziergang bevor, und gingen.

Als man ihr einen Monat später ein gesundes Herz gab, wußte niemand, daß es gut sein sollte, damit es ihr eigenes würde. Und daß sie sonst verloren war.
So oder so."

Jan hat die Geschichte in der Zeitung gelesen, sagt er, als ich ihn danach frage.
Sonst sagt er nichts.

Eine Geschichte zum Zergliedern, denke ich seitdem. Aber ich rühre sie nicht an. Jan liebt sie. Und das ist genug.

 

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