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Leseproben
Ursula Greiss,
Zu Bildern von Edvard Munch
SELBSTBILDNIS MIT ZIGARETTE
Der Blick voll dringender Fragen -
an sich und die anderen,
ein wehes Betroffensein
ein sich Retten - Wollen vor jenen,
der Hauch vagen Hoffens,
sie mögen die durch ihn entstehenden
und entstandenen Werke
bemerken und anerkennen -
in den nervösen Fingern
die brennende Zigarette,
sich fast auflösend im Rauch -
SELBSTBILDNIS MIT KNOCHENARM
"In der Blüte des Lebens", sagen sie
und machen viel Aufhebens
um die Höhe des Daseins,
als wäre sie lebenslänglich -
Sie denken nicht an das Wehe,
an das ich denke:
wie vergänglich die Blüten sind,
selbst die behütetsten -
Die Blumen verwehen im Wind,
und die Sommertage geh'n, wie sie kommen,
wie der Ruhm und das Glück -
Nichts liegt uns für immer zu Füßen,
so ist es für unser Geschick ausgelost!
Auch Falter fliegen nur Wochen -
Und ich?
Den blanken Knochenarm haltend,
ein schlimmer Gedanke?
Süßer Trost für mich!
SELBSTBILDNIS IN DER HöLLE
Ein Maler weiß, was Höllenqual heißt!
Wenn er sich berufen fühlt
und ihm das, was er schuf, teuer ist,
können die Gaffer es nicht verstehen,
und die Neider blicken mit scheelen Augen
auf das Geschaffene -
weil sie es sich nicht verhehlen können,
daß sein Werk gut ist,
schmähen sie es als nichts taugend
und bringen ihn an den Schandpfahl!
So ist er immer im Feuer!
Doch der Blutring um seinen Hals,
vor dem es uns graut, ist kein Brandmal!
Ist er gleichnishaft für die Idee,
sich selbst weh zu tun?
Sich zu zerschneiden?
Für den Trieb gar zum Selbstmord?
Durchdringend schaut er uns an,
ein Gezeichneter,
doch er gibt keine Antwort -
© Verlag junger Autoren 2006
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