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Leseproben Rüdiger Burghardt,
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Freiburger Literaturwettbewerb 1994
Zum ersten Mal seit acht Jahren veranstaltete die Universität Freiburg 1994 wieder einen Literaturwettbewerb.
411 Einsendungen (von 263 Autoren und 148 Autorinnen) wurden eingereicht, vorwiegend aus Freiburg und der
näheren Umgebung, aber auch aus anderen deutschen Universitätsstädten, und aus dem benachbarten Ausland.
"Die engagierte politische Literatur gehört zu den klaren Verlierern", so das Resümee der elfköpfigen Jury,
und weiter heißt es in der Presseerklärung zum Ergebnis des Wettbewerbs: "Was sich darüber hinaus abzeichnete,
war ein lockerer Umgang mit der Sprache, wobei sich manche Autoren an große Vorbilder anlehnten ( ... )
oder Themen, Motive und Perspektiven transformierten. Liebe war bei vielen Einsendern das bestimmende Thema,
jedoch weniger in pathetischer als in schwer dechiffrierbarer Gestalt. Ob "in einer Zeit, in der man der
Literatur und dem Gutenbergzeitalter den Todesschein ausgestellt hat, überhaupt noch geschrieben" werde,
war dagegen keine Frage. Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Teil des Textes von Rüdiger Burghardt. Er enthält Auszüge aus dem gerade bei uns erschienenen Roman Rzasiny. Die zwölf Bücher Rzasinys (Dem polnischen Schriftsteller Rzasiny gelingt in der Zeit des kalten Krieges die Flucht in den Westen. Die neu gewonnene Freiheit ist ihm aber nichts wert, da auf der Flucht Magdalena Kommencerpe, seine Frau, erschossen wurde. Seine Trauer - ein Trauma. Seine Frage: Wie kann man mit einem Menschen leben, der tot ist? Sein Rettungsversuch: die Flucht in die Erinnerung. Seine Hoffnung: ein Roman. Das Ergebnis: ein Entwurf. Davon erzählt der Text.) Seit dem Tod Magdalenas verließ Rzasiny kaum noch das Haus in Podere dei Venti. Oft dachte er, ob es nicht
möglich sei, mit Magdalena Kommencerpe zu leben, obgleich sie tot war. Und eines Abends entkam er in die
Erinnerung, in die Farben von Magdalenas Augen, in den Tonfall ihrer Stimme, in Magdalenas Gesicht, und er
entdeckte ein ungeahntes, neues Glück. Er nannte es die Lenkbarkeit der Bilder, einmal auch Berührung,
einmal auch dies. Am Morgen, es begannen die Meisen schon draußen in den Bäumen zu turnen, vermaß er sich,
sein ganzes Leben erinnern zu wollen, alle Bilder ihrer gemeinsamen Tage für seine Augen verfügbar zu machen.
Und dieser brennende Wunsch raubte ihm den Schlaf. Als dann die ersten Sonnenstrahlen in das karge Zimmer fielen,
erhob er sich fröstelnd. Die Ulmen, taunaß vor der bläulichen Stahlwand des Amiata, regten sich nicht. Der
Sonnenrand des Apennin - wie glühendes Glas über blauem Saphir. Stille - wie das Schweigen vor der Stimme
Magdalenas. Noch immer saß er vor dem Kamin, den Blick rückwärts gerichtet, die Vergangenheit umwendend wie
einen Handschuh, das Innere nach außen kehrend: Als sollte sich Magdalena betrachten mit seinen Augen, sich
in seinen Armen halten beim Tanz, sich sprechen hören mit seinen Ohren, in seiner Freude leben, wenn sie malte,
und erschrecken wie er über ihre Krankheit. Als sollte sie sich lieben lernen in seiner ungebeugten Liebe: Und
sie sollte gehen auf seiner Dankbarkeit wie auf Samt. Gegen Mittag beschloß er, einen Roman daraus zu machen,
und er riskierte sogleich einen Entwurf seiner Liebe. I Im ersten Buch seiner Liebe hätte Rzasiny zu sprechen vom Weg mit den ineinander verschachtelten grau
geflügelten Decksteinen, in die gelegentlich wie Flicken auf einem Lappenteppich blaßrote Muster eingenäht waren.
Er müßte erklären, daß der Weg einerseits an dem grün beschichteten, ordentlich gespannten Gitterzaun des Alexeischen
Hauses entlang führte, und hätte auch auf die geräumige, gegenüberliegende, weinlaubüberwachsene Scheune zu verweisen,
in deren Dachgeschoß das hundertfach geflügelte, stahlgraue, messingschimmernde Taubenvolk des alten Piatkowskys lebte.
Hätte Rzasiny dies ausführlich genug ausgemalt, könnte er wieder vom Weg erzählen, und seine ganze Bedeutung würde nur
dann offenbar, wenn er erwähnte, daß Magdalena im ersten Buch seiner Liebe krank war, als sie über den Weg ging, von der
Farbe ihrer Krankheit verschönt - ein Wort, das hervorzuheben Rzasiny die Pflicht hätte. Denn obgleich jedermann Magdalena
ansah, daß sie krank war, so waren die bronzenen Gesichtszüge erstaunlich gelassen. Und das dunkle Haar, das den Kopf
seitwärts wie zwei schützende Hände umschloß, verstärkte diesen Eindruck des Ernstes, und es schien dieses Gesicht
einzuschließen - feste Entschlüsse und ein klares Ziel. Wäre es gelungen, Magdalenas Gesicht so wahrheitsgemäß wie möglich
zu beschreiben, müßte er Magdalenas Blick folgen und für einige Sätze bei der Mondsichel verweilen, die wie eine seitwärts
geneigte Schale über dem erwähnten Hang stand. Vielleicht würde Rzasiny an dieser Stelle ein Symbol einfügen. Er bräuchte
dafür nur die Spitzen der zarten Lichtschale in den Himmel hinauszuziehen, eine Parabel mit Mondlicht zu beschreiben, und
schon umarmten ihre beiden Flügel den einzigen hell leuchtenden Stern, der am Morgenhimmel sichtbar war. Den Stern in der
Schale hatte Magdalena ihn einmal genannt. Und es wäre wohl nötig, dieses Naturereignis im ersten Buch seiner Liebe zu
erwähnen. Denn Magdalena hatte es als ein Bild gesehen für die Geburt des Menschen oder für den Tod. Ob Rzasiny jetzt
schon über Magdalenas Deutung sprechen müßte, wußte er nicht. Vielleicht wäre es besser, nur das Bild zu schildern und
den Gedanken zurückzuhalten, denn Rzasiny erinnerte nicht, ob Magdalena an diesem Morgen dergleichen Gedanken nachhing,
als sie den Stern und die Mondsichel am Morgenhimmel ansah. Einen Augenblick lang. Still. -Aus dem blaßblauen Morgenhimmel
zurückkehrend, hätte Rzasiny dann wieder vom Weg zu schreiben, auf dem Magdalena stand. Er müßte nun von der flachen Wagenspur
reden, die sich durch tägliches Befahren des Weges im Verlauf der Jahre in das Pflaster eingeprägt hatte. Im Regen eilten in
ihnen zwei Streifen knappgewellten Wassers der Hauptstraße zu und verschwammen vor der leicht eingesenkten, granitenen
Straßenschwelle in einen gemeinsamen, trübbraunen Strom, der, mit Steinchen, Laub und Federn befrachtet, in das
stahlspaltige Siel stürzte. II Im zweiten Buch seiner Liebe hätte Rzasiny sich ihrem gemeinsamen Haus zuzuwenden, von dem der Weg ausging. Er stiege
über die in das geräumige Treppenhaus frei eingehängten weißkühlen, blaßporigen Marmorstufen hinauf in die Zimmer Magdalenas,
in denen sie ein Jahr lang glücklich mit Rzasiny gelebt hatte, bis die Krankheit sie zur Flucht zwang. Hier nun beschriebe er
die Bilder, die Magdalena gemalt hatte und die von Rzasiny an den rosa gestreiften Wänden aufgehängt worden waren. Einzeln
hätte er sie nachzumalen, denn, obgleich sie sie alle "Versuche mit der Sonne" genannt hatte, war doch jedes ein anderes
farbiges Experiment, und Rzasiny müßte hervorheben, daß Magdalena mit allen Farben des Regenbogens experimentierte, vor
allem aber mit dem rotfarbenen Blau. - Zunächst hätte er den Blick hinzuwenden auf die Meerbilder voll südlichen Lichts,
auf rasch hingemalte Abschiedsbilder, auf blaue Ströme und die samtrote Stola einer heißen Dämmerung, dann hätte er
Abendskizzen zu beschreiben mit nie geahnten Türkisrändern der Nacht, er müßte hinweisen auf das Bild vom unergründlich
weinfarbenen Meer, es vergleichen mit glühendem Glas, das in den Feuerball der abstürzenden Sonne tropfte, und er würde
die Ansichten von Warna schildern, also jene Zeugnisse gemeinsam durchlebter Hitze und Träume südlichen Lebens am schwarzen
Meer. Dann aber würde Rzasiny im zweiten Buch seiner Liebe erwähnen, daß Magdalena auf gewelltes, gehämmertes Papier am
liebsten mit viel Wasser tuschte, die Alchemie der Klangverwandlung liebte und auf nassem Grund leuchtende Farbströme erzeugte,
Abendlieder auf den sonnenbeschienenen Bergen über der Tiefe der Nacht. Nach diesen Hinweisen auf die Grundstimmung in der
Seele Magdalenas beschriebe er schließlich ein Bild, das über Rzasinys Bett hing und in dem sich die Liebe Magdalenas zu Warna
zusammenfaßte. Er spräche von einer schlichten Ansicht eines Hauses am Hafen, von rot blühendem Rhododendron umwachsen,
überdacht von den großfingrigen Blättern eines Feigenbaumes. Und seine Schilderung müßte zeigen, daß Magdalena oft und gern
durch diesen Garten gegangen war der Blüten wegen und wegen der Feigen. Den süßen, mehligen, körnigen Geschmack dieser Früchte
schätzte sie besonders, und so hatte sie deren Sanftheit in das Bild gemalt und das warme Rot ihrer Liebe und zartweißes Licht
auf die Wände des feigenbeschirmten Hauses. Und vielleicht könnte Rzasiny hier zu einem Vergleich greifen und von dem Wiegenlied
der alten Frau vor dem Hause erzählen, das Magdalena damals oft vernahm und das noch immer dieses Bild durchklingt. III Im dritten Buch seiner Liebe hätte Rzasiny Magdalena ein Jahr zu verjüngen und ihre Heiterkeit zu beschreiben, und er wußte nicht wie. Er wußte nur, daß es das schönste aller Bücher werden müßte, voller plastischer Vergleiche und Melodie. Wahrscheinlich gelänge dies am ehesten, wenn er die Flöte schilderte, die sich Magdalena wenige Tage nach ihrer Hochzeit im Haus am Hang gekauft hatte. Vielleicht hätte er auch gleich von ihrer Erwartung zu sprechen, wenn sie die Flöte an den Mund setzte und gelegentlich wieder abnahm, weil der Ansatz nicht gelingen wollte, und er müßte den Abschwung der Töne nachzeichnen, wenn sie davonflogen wie ein Schwarm bunter Vögel. Er hätte von den Regenliedern des Finken zu berichten und den Liedern für das ersehnte Kind, denen von der Eisenbahn also und der Hagebutte und von der Unzählbarkeit der Sterne. Rzasiny dürfte aber nicht nur die Melodien schildern, die Magdalena des volleren Klanges wegen in der Küche spielte, seine Beschreibungen hätten sich hinzuwenden zu den schmalen, knapp geschnittenen Fingerkuppen, die über die silbernen Klappen und Hebel des Instruments tanzten, treffsicher und schwerelos, eine Kunst, die Magdalena langsam erlernte und stetig zu vervollkommnen suchte, zäh und beharrlich das Ziel ins Auge zu fassen wie der Winzling Michail. Schließlich wollte Rzasiny betonen, daß Magdalena die Flöte selbst gekauft hatte, weil über ihren unsicheren Gesang einmal gelacht worden war. Sie könne bald singen, hatte sie darauf gesagt. Bald sänge auch sie... � Verlag junger Autoren 2002 |
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