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Leseproben
Rüdiger Burghardt,
Der Ehrfurchterzähler
oder
Abromeids endliches Glück
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Erstes Heft
Lächeln, Abromeid, lächeln!
Berlin!
Berlin - am 23. Oktober
... gegen sechzehn Uhr in Ilses Wohnung. Meist lag er, wenn er schrieb,
auf einem schäbigen, blaßroten Sofa und hoffte auf eine gnädige Nacht.
Denn der Kopf schmerzte bei jeder Wendung der Schultern, und der Rücken
spannte bei der sanftesten Beugung des knochigen Körpers. Abromeid scheute,
so sagte man (übrigens fälschlicherweise, wie sich später herausstellen wird)
seinen Anblick. Die trüben Augen, der weiche Mund, die verschobene
Nase schienen keiner Beachtung wert, und das Einzige, was man hätte
schön finden können, seine klaren, blauen Augen, betrachtete er wenig,
da er meist, wenn er in den Spiegel blicken sollte, die Augen schloß.
So achtete Abromeid auch nicht auf seine übrige Gestalt, vielleicht weil er
viel zu klagen gehabt hätte, denn ein Buckel verschob die Schultern,
über den wippenden, schmalen Hüften kugelte sich ein birnförmiger Bauch,
und die Füße schlurften über den Boden, wenn sie nicht in einem stolpernden
Stakkato die Treppen hinauf und hinunter traten, der eine Schuh kürzer als der andere.
Nein, mit Gunnar Heiko Stefan Heinrich Abromeid war wirklich kein Staat
zu machen, auch wenn er sich entschloß, in den edelsten Stunden der
Einsamkeit seinen weißblauen Nadelstreif anzuziehen. Endlich bekleidet,
spazierte er einige Schritte durch das Zimmer und schob, ein verwegenes,
samtrotes Seidentuch um den knotigen Hals, seinen Lehnstuhl ächzend an die
geöffneten Fenster der feuchten Erkerwohnung, sog die kühle Nachtluft ein -
vor sich das geadelte Licht der nahen Sterne - und schloß die Augen.
Denn eine Geschichte ließ ihn alle Mühsal seines kümmerlichen Lebens ertragen.
Die schmale Invalidenrente, das läßliche Mitleid der Hausbewohner bei seinem
Anblick, der gelegentliche Gang zur U Bahn und zu Freddy Stark bei der
Literaturzeitung waren Mühsal genug. Freddys Frage: "Hast du wieder was Schönes?"
war der Trost für tausend Schritte Schmerzen. Und der zögernde Griff in die Brusttasche,
das Umklammern des knittrigen Kuverts, in das er seine Geschichte
verborgen hatte, eine kaum eingestandene Labsal.
"Gut, Gunnar", pflegte Freddy zu sagen, griff sich Abromeids Erzählung,
warf sie auf den Tisch und schlug dem Krüppel mit breiter Hand auf die knochige Schulter.
Auf, hieß das. Bis zum nächsten Mal. Und er hatte aufzustehen, was ihm schwer fiel,
und Freddy Stark zu verlassen, eine schweigende Arbeit. Also ging Abromeid wieder,
schlurfte durch die Straßen in seine Mansarde, erwartete die Nacht und bei
geöffnetem Fenster die neuen, überwältigenden Überfälle ungebrauchter, neuer Geschichten.
Wenn Abromeid gegangen war, stopfte Harry die Texte in eine Lade seines Tisches,
die er das Wortgrab oder seinen Worteimer nannte. Denn die meisten Geschichten blieben,
da sie sich jenseits des Staats stellten, ungedruckt.
Abromeid aber achtete nicht auf dergleichen Vernichtung seiner kostbaren Zeit.
Gegenwärtig suchte er nach Ehrfurchtwörtern. Schön, gewaltig,
großartig, ewig, grandios und dergleichen Lobpreisungen waren nicht darunter.
Diese Sperrwörter erlaubte er sich nicht. Dagegen liebte er das Wort "endlich".
Denn gab es eine grössere Lobpreisung als die Gewißheit, die Grenze, das Ziel,
das Ende erreicht zu haben? Danach begann das Neue, das Unbekannte.
Und da er in das Wort "endlich" verliebt war, auch weil es als
Schatten die Bedeutung "vergänglich" hinter sich her zog, prüfte er,
welcher Gegenstand damit geadelt werden konnte.
Ein Gedanke, dessen war er gewiß, konnte endlich sein,
ebenfalls gelegentlich der Traum. Es gab einen endlichen Baum
und eine endliche Liebe, eine endliche Frau und ein endliches Lied;
die kostbarsten Dinge, so erkannte er, konnten endlich genannt werden.
Denn in ihnen erkannte er das Höchste, das ein Mensch verehren konnte,
und doch war keines ohne Zerfall. Das beglückte Abromeid und bedrängte ihn,
und zitternd verband er das Wort mit der größten Dunkelheit, mit Flucht und Tod.
Es begegneten ihm der endliche Sozialismus, die endliche Gewaltherrschaft,
das endliche Grauen und der endliche Mord, und je mehr sich Abromeid in das Unheil wagte,
desto mehr erschrak er. Er hatte vorsichtig mit dem neuen Ehrfurchtwort umzugehen,
das erkannte er wohl, und fröstelnd schloß er die Augen.
� Verlag junger Autoren 2002
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