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Iris Parzival Frey; Die Licht-Tür

In den hinteren Ecken der Stadt befand sich ein kleines Kämmerchen, das von den Verletzten oft aufgesucht wurde. Es hieß der "Niemands-Ort".
Licht konnte man dort aus Röhren trinken, die vom Dachstuhl des Hauses heruntergelassen waren, und wenn die Besucher in ihrem Rausch eingefangen waren, schwebten sie in ihren Träumen. Es hieß "das graue Viertel", doch in dem Zimmer wurde alles bunt. Wer es verließ, hatte Farbe in seinen Taschen und malte sich selbst und Häuserwände an.

Eines der Bilder, die so ein vom "Licht-Röhrchen-Rausch" betrunkener Maler in einer Nacht an die Häuserwände malte, zeigte folgendes Bild:

"Eine traurige Seele, die ihr Lachen wieder gefunden hatte."
Es zeigte einen Künstler im Gespräch mit seiner Pistole. Man war sich nicht sicher, wenn man es betrachtete, ob vor oder nach dem Schuß, da dieses Gesicht so seltsam lächelte. Die Pistole hatte aber auf diesem Bild Beine bekommen und neben ihrem Lauf war eine Hand heraus gewachsen, die sein Gesicht streichelte.

Darunter hatte der Künstler folgenden Satz geschrieben:" ich weiß, dass ich hier fremd bin und auch manchmal alleine. Ich weiß, dass mir das, was ich liebe und das mich liebt, immer seine Ansprüche vor den Kopf stellt. Und, dass dies ein Spiegel ist. Und- doch bin ich hier.-
Es ist nicht mehr wichtig, da ich heimgekehrt bin, zurück zu mir."

Darunter schüttelte der Künstler seine Taschen aus, die voller Brotkrumen waren. Einige Spatzen kamen geflogen, und der Himmel färbte sich grau.
Dann öffnete er eine Tür, die er in das Bild hinein gezeichnet hatte und ging in das Licht, das überbordend ihn selbst und die Stadt überströmte. Die Tür blieb noch eine Weile offen, und im Lichtstrahl ihres Scheines wurde die Stadt bunt. Wie ein Streifen aus Farbe, der sich durch die Straßen zog. Gras wurde grün, Pfützen wurden blau, die Spatzen braun mit etwas Gelb an ihren Schnäbeln. Tulpen, die jemand vergessen hatte, wurden rot, und der Handschuh einer Frau, die in den Lichtkegel trat, bekam die Farbe "Lila". Es war recht sonderbar, was dann geschah: Die Menschen, Pflanzen oder Tiere, die in den Lichtstrahl gekommen waren, waren in gewisser Weise mit Farbe infiziert. Wen und Was sie in dieser Stadt berührten, oder was auch immer sie erblickten, wurde bunt. Der Vogel, der über den Himmel flog, machte ihn farbig. Der lila Handschuh machte das Gesicht der Frau rose, und ihren Mantel blau, und gab ein Braun an ihre Schuhe. Ihre Lippen wurden rot, und schwarz der Wimpernkranz um ihre Augen, deren Blau den Glanz des Himmels stahl. Farbig wurde alles, zu dem sie sah; Und ein Mann, der noch in grau zu seinem Auto eilte, erschrak beim Erblühen seiner Aktentasche, die auf einmal Sonnenblumen trug.- Was er nie vermutet hätte- und ihm zudem unpassend zu der Besprechung, zu der er auf dem Wege war, erschien.- Doch er musste lächeln, als auch das Auto, in dem Moment, als er es berührte, dieses Muster übernahm. Man sah weit und breit die Häuserwände farbig werden. Und der Lehrer, der soeben seinen Schüler wegen seiner notorischen Unpünktlichkeit schelten wollte, lächelte auf einmal als er aus dem Fenster sah und sagte - ist schon gut.

Inzwischen ist über all die Farbe wieder heimgekehrt. Sichtbar in abermilliarden Farbabstufungen und Facetten. Auch das Grau und Schwarz war immer da, so wie das Weiß, das alles überstrahlte. Und das Geheimnis von Silber, der Fanfare Messing und dem gestohlenen und dann verziehenen, und obendrein verschenkten, aus-verschwendeten Gold, das in allen Taschen lauert auszubrechen, wie die Farbe. Alles war wieder da, man hatte es gefeiert. -

Nun, es wäre so gegangen, wie es allen großartigen Dingen geht: Man hätte sie irgendwann als selbstverständlich hingenommen und das Farbigsein vergessen. Und, obwohl es da ist, es gar nicht mehr gesehen. - wären da nicht die Spatzen gewesen, die mit ihrem Tschilpen an Licht erinnern. Und wann immer ein Mensch den Blick eines anderen auffangen konnte, frei und im lächelnden Flug, war das Licht der Farben wieder da, und alles wurde für einen Augenblick, so wie im Regenbogen. Auch wenn es sich wieder verlor, war es doch wie eine Erinnerung an die eine Tür, die der Künstler damals aufgelassen hatte, mit all den neugierigen Spatzen davor.

 

copyright by Iris Parzival Frey

 

 

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